in Werkstatt

„Rumpelstilzchen“ fragt:

Im „Motor-talk-Forum“ fragt „Rumpelstilzchen“: „Ich überlege mir einen Oldtimer als „Alltagsfahrzeug“ zuzulegen. Was haltet Ihr davon?“. Hellen antwortete blitzschnell und entschlossen: „Tue es, ist super geil mit so einem Teil durch die Gegend zu fahren“. Im gleichen Thread antwortet „Simca“ etwas mehr besonnen: „Meiner Meinung nach sind die meistens Oldies zwar weitgehend alltagstauglich, aber oft nicht ganz „alltagsfreundlich“. Ich fahre meinen Simca 1000, Bj 71, (wenn es sein muss) bei jedem Wetter, aber der Spaß am Fahren bleibt bei entsprechendem (Un-)wetter oft auf der Strecke, angefangen bei beschlagenen Scheiben die wegen der schlechten Lüftung ewig brauchen um frei zu werden, über schlechte Bremsen, zu piepsen in den Ohren nach stundenlangen Motorbrummen auf Langstrecken….“

Wir haben die Frage von „Rumpelstilzchen“ zum Anlass genommen und uns einige Gedanken zum Thema Oldtimer als Alltagsfahrzeug gemacht. Unsere Überlegungen gehen – wen wundert es – „etwas“ über das von Hellen aus Saalfelden zum Ausdruck gebrachte euphorische Gefühle hinaus und berücksichtigen auch den – berechtig – kritischen Einwand von „simca.

Eine Entscheidung mit Emotionen

Emotionen spielen auch hier eine wichtige Rolle. Als Fahrer eines Oldtimers hat man den eigenen Fahrspaß sowie die Sympathie der Zeitgenossen auf seiner Seite. Dabei spielt es praktisch kaum eine Rolle in welcher Preisliga sich das Auto befindet. Fragen Sie einmal Ihre Kinder, ob Sie lieber mit einem aktuelle Fahrzeug oder einem schrulligen Alten fahren möchten. Ein Oldtimer hat aus heutiger Sicht nun mal bedeutend mehr „Charakter“ als die Gleichförmigkeit der technologisch hochgerüsteten modernen Autos.

Peggy Hiltrop sagt denn auch in der Auto Bild Klassik: „Warum sollte ich im Alltag etwas Neues fahren? Es gibt doch kaum was Schöneres, als mit dem Klassiker durch die Gegend zu düsen, ihn zu genießen, von allen Leuten freundliche Reaktionen zu bekommen. Da sprüht bei mir auf jeder Fahrt die Lebensfreude. Darauf soll ich im Alltag verzichten?

Peter Michaely, ebenfalls von Auto Bild Klassik ist da etwas anderer Meinung. Auch er bezweifelt die Alltagstauglichkeit von Oldtimern überhaupt nicht. So sagt er: „Ich hatte mal einen MGB GT Baujahr 1967, Historie unbekannt, Zustand mit viel gutem Willen drei minus. Lief aber so zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk, vielleicht besser als manches restaurierte Exemplar. Wenn der Overdrive mal streikte, genügte ein kurzes Rütteln an den Kabeln hinterm Armaturenbrett – schon flutschte er wieder.“ Und gerade weil, Peter seinen MGB GT aus 1967 so liebt, will er ihn am liebsten hinter Glas stellen. Er will ihn hegen und pflegen. Nicht fahren. Dieser Ansicht kann man sein. Durch aus. Klar, dann darf man ein solches Fahrzeug nicht im Alltag verwenden.

Das „richtige“ Fahrzeug ist wichtig!

Vielleicht kommt es darauf an, das „richtige“ alte Auto, den „passenden“ Oldtimer für den Alltagszweck zu finden. Es darf also KEIN Rühr-mich-bloß-nicht-an-Modell sein und eine „Alltagsfreundlichkeit“ im Sinne von Simca sollte auch vorhanden sein. Und was wäre so ein passendes Modell? Es gilt also gut zu überlegen, von welchem Oldtimer wir da reden, wenn wir „Alltagstauglichkeit“ und „Alltagsfreundlichkeit“ meinen. Natürlich geht immer alles, aber nicht Alles und Jedes ist sinnvoll. Und natürlich gibt es viele Liebhabereien bei denen die Ratio kein Platz hat. Klar, warum auch nicht. Hier wollen wir uns auf das sinnvoll konzentrieren.

Wie viel fahren wir eigentlich?

 Herr und Frau Schweizer fahren im Druchschnitt pro Tag etwa 24 Kilometer mit dem privaten Fahrzeug (motorisierter Individualverkehr). In diesen Durchschnittszahlen sind auch längere Wegstrecken eingerechnet. Würde man diese „herausrechnen“, dann wäre es in der Schweiz wahrscheinlich ähnlich wie in Österreich, wo jede zweite Autofahrt kürzer als 5 Kilometer ist.

Welche Fahrzeuge sind NICHT geeignet

Zunächst einmal wollen wir Fahrzeuge, welche nie wirklich alltagstauglich waren, aus unserer Betrachtung ausschließen. Es gab schon immer Fahrzeuge, welche für das reine Vergnügen und die Befriedigung des Gefühls von Luxus entwickelt wurde, nicht aber für den Alltag. Das sind die ganz teuren und seltenen Luxus-Fahrzeuge, wie z.B. exklusive Ferrari, Bentley oder Rolls Royce.

Die Einstandspreise sind heute bei einer Reihe von einstmals sehr teuren Fahrzeugen, wie etwa einem Ferrari 400i, einem Jaguar XJ 12 oder einem RR Siver Shadow günstig und schreien förmlich nach einem Deal. Die Unterhalt-, Wartungs- und Ersatzteilkosten stehen hier jedoch in keiner Relation zum Kaufpreis. Das Verhältnis zwischen den teilweise sehr günstigen Einstiegspreisen und den sehr hohen Wartungskosten darf auf keinen Fall übersehen werden. Gerade wegen den hohen Wartungskosten, sind die Einstiegspreise hier in vielen Fällen so günstig.

Vorkriegsfahrzeuge sind ebenfalls nicht alltagstauglich. Bei den Vorkriegsfahrzeugen ist die gesamte Technik nicht auf unseren heutigen Alltagsverkehr ausgerichtet. Diese Fahrzeuge im heutigen Alltag zu verwenden wäre eine kräfte-, zeit- und ziemlich geldraubende Angelegenheit. Hinzu kommt, dass wenn an diesen Fahrzeugen auch nur ein kleinerer Unfall mit Fahrzeugschaden geschieht, die Aufwendungen für die Ersatzteile sehr hoch sind. Ganz abgesehen davon, dass man erst einmal originale Teile auf dem Markt finden muss.

Wir wollen hier auch Youngtimer von der Betrachtung ausschließen, weil diese Fahrzeuge bei guter Pflege unserer Meinung nach per se alltagstauglich sind. Also schauen wir uns daher Fahrzeuge an welche älter als 30 Jahre sind.

Welche Fahrzeuge sind geeignet?

Wenn wir über alltagstaugliche Oldtimer reden wollen, dann sollten wir uns auf Fahrzeug der „gängigen“ Marken und Baujahre zwischen 1950 und 1985 konzentrieren. Da gibt es eine ganz große Vielzahl von Modelle, welche in Betracht kommen. Grundsätzlich eignen sich aber Fabrikate, welche im Inland oder im benachbarten Ausland mit Händlern und Werksvertreter, vielleicht sogar mit einem Classic Center vertreten sind. Das Internet macht heute Beschaffungsvorgänge einfacher. Gleichwohl ist das direkte Gespräch langfristig für eine vertrauensvolle Beziehung besser geeignet.

Wir zählen hier nur einige wenige Modelle aus einer sehr großen Auswahl auf. Die jeweilige Wahl hängt immer vom Geschmack des „Nachdenkenden“ sowie dessen Lebensumstände ab, welches Auto gefällt und welches Fahrzeug für den jeweiligen Alltagsgebrauch sinnvoll ist, ist also individuell zu entscheiden. Braucht es einen Kombi, ein Familienfahrzeug oder ist ein schickes zweisitziges Cabrio genau das Richtige

Volvo Amazon Baujahr 1964

Volvo Amazon Baujahr 1964

Als robust, alltagstauglich und bequem gelten die alten Volvos, allen voran der Volvo Amazon. Dieses Modell wurde von Volvo
von 1956 bis 1970 in großer Stückzahl hergestellt. Es gibt ihn als Limousine sowie als Kombi.

Die Fahrzeuge sind eigentlich unverwüstlich, äußerst winterfest und das Beschaffen von Ersatzteilen ist nicht wirklich ein Problem. Ein Volvo Amazon von vernünftiger Qualität gibt es heute schon ab 7.500 CHF.

Klar, die „Geschmäcker“ sind verschieden und nicht jedem gefällt dieser skandinavische Stil.

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Mercedes W114 Cope

Der Mercedes W114 oder W115 – auch „Strich-Acht“ Mercedes genannt – wurde von 1967 bis 1976 gebaut. Es war das einzige Fahrzeug, welches, den VW Käfer in der Neuzulassungsstatistik für kurze Zeit vom ersten Platz verdrängen konnte. Der „Strich-Acht“ Mercedes gilt heute als beliebter „Familien-Oldtimer“. Ein solcher gut erhaltener „Strich-Acht“ Mercedes wie dieses schön Coupé gibt es derzeit ab ca. 15.000.00 CHF. Die geräumige und bequeme Limousine ist günstiger.

Einige andere Modelle wollen wir hier nur kurz erwähnen:

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BMW 628 CSI

  • So etwa den BMW 628 CSI. Er wurde ab 1975 gebaut und kostet heute in einem gut fahrbaren Zustand so an die 20.000.00 CHF.
  • VW Käfer. Er kosten ca. CHF 15.000. Er ist nicht so bequem, hat nur 2 Türen, aber einen hohen „Auffälligkeitsgrad“
  • Ford Escort wurde ab 1967 gebaut und ist ab ca. 7.500.00 CHF zu haben

Für viele dieser Fahrzeuge ist die Lage auf dem Markt für Ersatzteile gut, für einige kann man sogar sagen, sie war noch nie so gut wie heute.

Ein alltagstauglicher Oldtimer-SUV ist ein Monteverdi Safari. Wir haben erst kürzlich über dieses Modell in einem Blog berichtet

Monteverdi Safari Baujahr 1971

Monteverdi Safari Baujahr 1971

und wollen uns hier deshalb kurz halten. In unserem Blog haben wir schon unsere Begeisterung für dieses Fahrzeug (sowie die Marke Monteverdi) nicht verhehlt. Ein derartiges Fahrzeug findet man auf dem Markt nicht einfach. Aber dass es doch möglich ist, zeigt unser Beitrag im Blog. Einen generellen Preis für ein fahrfähiges Exemplar lässt sich nicht sagen. Er dürfte jedoch jenseits von CHF 50.000 liegen. Das dieser Schweizer SUV in der Schweiz als Alltagsfahrzeug etwas Besonderes wäre, braucht nicht speziell erwähnt zu werden.

Schauen wir uns die Zweisitzer an. Auch hier gibt es eine große Vielzahl an geeigneten Modellen.

TR 4

TR 4

Etwa den Triumpf TR 4. Er ist das Musterbeispiel eines pikelharten englischen Roadsters. Er wurde von 1961 bis 1967 gebaut. Er ist heute ab ca. 30.000.00 CHF zu haben.

Oder den Mercedes 190 SL. Er ist der Gegenentwurf zu einem englischen Roadster. Beim 190 SL besticht die Eleganz. Der Wertzuwachs war bei diesem Typ in den letzten Jahren besonderes hoch. Deswegen liegt der Anschaffungspreis je nach Zustand und Ausstattung deutlich jenseits von 130.000 CHF. Nun könnte man sich hier, ganz im Sinne des Statements von Peter Michaely fragen, ob ein Fahrzeug mit diesem Wert wirklich der Alltagsbelastung ausgesetzt werden soll und nicht besser, gehegt und gepflegt werden soll.

MB 190 SL

MB 190 SL

Naja, das kommt drauf an. Wenn man es „nur“ vom Wert abhängig macht, dann dürfte man auch mit einem neuen Mercedes der S-Klasse oder einem neuen SL nicht Alltagsverkehr herumfahren. Im Gegensatz zu einem neuen Mercedes darf man aber bei einem „historischen“ SL auf eine gesteigerte Sorgfalt der anderen Verkehrsteilnehmer hoffen und mit dieser rechnen. Eine Schlüssel-Lack-Kratz-Attacke ist bei einem historischen Fahrzeug eigentlich undenkbar. Auch beim Einparken, achten andere Verkehrsteilnehmer sehr, nur ja keinen Parkschaden zu verursachen. Natürlich bestätigen Ausnahmen auch diese Regel.

Zusätzlich Kosten nicht vergessen

 Nicht zu vergessen sind die heutigen Sicherheitsstandards. In diesem Zusammenhang ist mit Umrüstkosten zu rechnen, welche sich pauschal nicht beziffern lassen. Bei Alltagsfahrzeugen hat die Sicherheit Vorrang, insbesondere dann, wenn Fahrten mit Kindern vorgesehen sind. Der Einbau von Gurten ist ein Thema. Unter anderem um den Kindersitz fachgerecht zu befestigen.

Oldtimer haben ein anderes Fahrverhalten als moderne Fahrzeuge. Man muss sich darüber bewusst sein, das oft aufgrund fehlender Servo-Unterstützung beim Lenken und Bremsen höhere Kräfte aufzuwenden sind. Deswegen ist die Gefahr eines vom Fahrer eines Oldtimers verursachten Auffahrunfalls nicht zu unterschätzen. Unter Umständen können die alten Bremsen durch Scheibenbremsen ersetzt werden. Wir haben dies auch an unserer Corvette (1959) gemacht. Das ist zwar ein Eingriff in die Originalität des Fahrzeuges, aber er dient der Sicherheit und dieser „Eingriff“ kann jederzeit wieder rückgängig gemacht werden.

Die Stoßdämpfer sind ebenso zu kontrollieren wie der Zustand der Reifen. Beides ist für die Straßenlage sowie für den Bremsweg von Bedeutung. Der Einbau einer Warnblinkanlage ist – falls nicht bereits vorhanden – zu überlegen, ja eigentlich zu empfehlen.

Da der Oldtimer im Alltagsverkehr verstärkt der Umwelt ausgesetzt ist, sind den Hohlräumen verstärkt Beachtung zu schenken und eine gute Hohlraumversiegelung und Unterbodenschutz ist angebracht, um Rostschäden vorzubeugen. Da Oldtimer auch anfälliger für technische Mängel, wie etwa das Sammeln von Wasser in Bremsleitungen, sind, sind auf kürzere Wartungsintervalle als Kostenfaktor zu beachten.

Wer einen Oldtimer als Alltagswagen verwenden möchte, der sollte zumindest für den Notfall einen Plan B haben, also auch ein neueres Fahrzeug in der „Hinterhand“ haben. Entweder um über lange Strecken auf denen man nicht aufs Auto verzichten kann und will rasch von A nach B zu kommen oder im Winter und im Fall der von simca erwähnten Unwettern. Moderne Fahrzeuge können dann sehr hilfreich sein. Für diesen Zweck kann man entweder Angebote eines Car-Sharing Anbieters nutzen oder den Zweitwagen zurück greifen, den viele Haushalte ohnehin haben.

Natürlich geht das alles ins Geld.

Oldtimer sind im Wert gestiegen

Während die heutigen Neufahrzeuge rasch an Wert verlieren, haben in den letzten Jahren die Oldtimer stetig an Wert gewonnen. Und je nach dem, gleichen diese Wertsteigerungen die oben aufgeführten zusätzlichen Kosten mehr als aus.

Und wie sieht es in der Praxis aus?

Ein Zeitgenosse hat seine Erfahrung mit einem Oldtimer als Alltagsfahrzeug sehr treffend beschrieben: www.w111.net/html/uli300.html

Was soll man also „Rumpelstilzchen“ antworten?

Kommen wir zurück auf die Frage am Anfang dieses Beitrags. Was halten wir von einem Oldtimer als Alltagsfahrzeug?

Tja, wie so oft kommt es auf den Einzelfall an und es gibt kein eindeutiges „ja“ oder „nein“. Die Fahrfreude, die positiven Emotionen, die Sympathie der Umwelt, alles das ist bei einem Oldtimer als Alltagsfahrzeug in hohem Masse vorhanden und nicht von der Hand zu weisen. Auch gibt es schöne geeignete Fahrzeuge welche die Fahrfreude eines Oldtimers bieten und vermitteln. Bei den von uns genannten Fahrzeugtypen sind nach unserer Meinung auch die von simca vorgebrachten Bedenken nicht wirklich gewichtig. Aber die Anmerkungen von simca haben Gewicht, denn so einfach wie ein Neuwagen fährt sich ein Oldtimer im Alltag natürlich nicht. Deshalb haben wir auch auf einen Plan B hingewiesen.

Es kommt also letztlich ganz auf Dich an. Neigst Du mehr zum „Ausleben“ Deiner Emotionen und nimmst dafür etwas mehr an „Anstrengung“ in Kauf, dann könntest Du Dir einen Oldtimer als Alltagsfahrzeug einmal durch den Kopf gehen lassen. Neigst Du mehr zur Rationalität und genießt den Komfort der Fahrassistenten, dann verwende ein neueres Modell. Wir wissen nicht, welcher Typ „Rumpelstilzchen“ ist. Diesen Blog werden wir als eine Antwort auf seine Frage mailen.

Und was meinst Du, lieber Leser, was ist Deine Meinung?

 Wenn Du möchtest, dann sag uns Deine Meinung. Schreibe hier ein Kommentar.

Und wenn Du mit der Idee spielst, einen Oldtimer als Alltagsfahrzeug zu nutzen, dann komm vorbei. Wir helfen Dir gerne für Dich Klarheit zu schaffen und den für Dich richtigen Weg sprich das für Dich richtige Fahrzeug zu finden.

Kommentare
  • masti71

    Ein Autoankauf von einem Oldtimer sollte gut überlegt sein, denn diese Fahrzeuge brauchen ein wenig mehr Geduld und Liebe. Die Autos sind zudem meist ein Auto Export, d.h. wenn etwas zu reparieren ist, muss man unter Umständen etwas länger auf Ersatzteile warten. Manchmal kann sein, dass bereits vor dem Auto Ankauf Teile gar nicht mehr lieferbar sind.

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