in Restaurierung

Restaurationsbericht

190CoppaAmicibearbeitetMitte 2014 haben wir erfahren, dass dieser schwarz/rote 190 SL möglicherweise zu verkaufen sei. Das Fahrzeug gehörte damals einem Oldtimer-Liebhaber aus Bern. Er hatte das Fahrzeug über viele Jahre in seinem Besitz. Das Fahrzeug wurde intensiv genutzt. So hatte es u.a. an einer Reihe von Oldtimer-Rallys teilgenommen. Eine dieser Rallys war  die „Coppa Amici“, welche anfangs September 2014 quer durch Norditalien, genauer gesagt durch das Piemont, dann der ligurischen Küste entlang nach Monte Carlo führte.  Wir haben dieses Foto der „Imperia Post“ vom 6. September 2014 entnommen, welche ausführlich über dieses Ereignis berichtete. Auf der Rückfahrt damals im September 2014 in die Schweiz stotterte der Motor. Diesem SL sah man überall die intensive Nutzung mit blossem Auge an.

Am 27. Oktober 1959 wurde dieses Fahrzeug von Mercedes Benz in Sindelfingen an die eigeneAuslieferungsdokument Vertriebsgesellschaft in Zürich, Drei König Strasse, ausgeliefert. Die gesamte Geschichte dieses Fahrzeug ist noch nicht erforscht. Wir arbeiten auch daran.

Uns gefiel, dass dieses Fahrzeug einen sehr hohen Grad an Originalität hat.  So ist es natürlich Numbers Match. Die Sitze, Armaturenbrett etc. alles ist in einem alters- und nutzungsentsprechenden Originalzustand. Das Fahrzeug wurde vor Jahren in der Originalfarbe Schwarz neu lackiert. Uns gefiel auch die Farbkombination schwarz/rot. Bei dieser Farbkombination spricht man auch von einem sog. „Nitribitt-Mercedes“. In unserem ersten Telefongespräch sagte dann auch der Verkäufer nach wenigen Minuten: „Und noch etwas. Das Auto ist etwas ganz Besonderes. Das ist ein Nitribitt-Mercedes“. Vermutlich wollte er testen, ob am anderen Ende der Leitung jemand war, der sich auskennt. Wir kennen uns aus und wissen, was ein „Nitribitt-Mercedes“ ist. Woher dieser Name kommt, dazu später.

Kurz und gut. Nach vielen, sehr vielen weiteren Telefonaten, einigen wenigen persönlichen Besprechungen, nach einem Handschlag und nach Bezahlung, konnten wir dieses Prachtexemplar zu einem für beide Seiten als „fair“ empfundenen Preis kaufen und so stand es dann Mitte September 2014  bei uns in der Werkstatt :).

Berücksichtigt man die deutlichen Preissteigerungen für einen 190 SL, dann meinen wir, dass wir da zum richtigen Zeitpunkt das richtige Modell gekauft haben. Trotz aller „Gebrauchsspuren“

Noch während den Verkaufsverhandlungen stellten wir einige Beulen im Frontbereich fest, ebenso waren dort, wie der Magnettest zeigte, kleinere „Spachtelleien“. Der Lack entsprach ebenfalls nicht unseren Vorstellungen. So zeigte er natürlich über dem Spachtel die üblichen kleinen Haarrisse. Darüber hinaus war er insgesamt matt geworden.  Und der Motor musste auch noch repariert werden. Also entschlossen wir uns für eine Frame off oder zu gut Deutsch eine sehr weitgehende Überarbeitung aller wesentlicher Teile des Fahrzeugs.

Im Einzelnen haben wir Karossiere und das Fahrgestell voneinander getrennt sowie den Motor ausgebaut, um ihn vollständig zu revidieren. Daneben haben wir den gesamten Innenraum leer geräumt um Teile des Innenraums getrennt aufarbeiten und  konservieren zu können.  Soweit immer möglich haben wir uns für eine schonende Konservierung der Originalteile entschieden, im Wesentlichen um die Authentizität und die Patina zu erhalten. Diese Art der schonenden Restaurierung, möglichst „nur“ einer Konservierung entspricht unserer generellen Arbeitsphilosophie. Sie steht im Einklang mit der sog. Charta von Turin des Weltverbandes der Oldtimer-Verbände. Wir arbeiten generell nach den Richtlinien und Empfehlungen dieser Charta.

http://www.fsva.ch/de/kultur/charta-von-turin

Der Motor

Um den Motor revidieren zu können, wurde er zunächst zerlegt. Alle Teile wurde gereinigt, geprüft und wenn notwendig wurden Teile repariert oder ersetzt. Danach wurde alles wieder zusammengebaut. Oben ist der Motor vor und unten nach der Revision zu sehen. Danach sieht der Motor nicht nur aus wie neu. Er läuft auch so.

 

Die Karosserie

Spengler

Robert (Röbi) Rechsteiner, Appenzell

Im Dezember 2014  wurde die gesamte Frontpartie vollständig überarbeitet. Dies war notwendig, weil das Fahrzeug einmal einen kleineren Frontschaden hatte, der mehr einfach, schnell und günstig als fachgerecht repariert wrude. Einige Dellen waren nur durch eine mehrere Zentimeter starke, also viel zu dicke, Zinnschicht ausgeglichen worden.  Verzinnen ist nach kleineren Schäden eine durchaus übliche und konforme Form der Karosserie-Behandlung. Hier erschien es uns aber deutlich zu viel des Guten. Also hat Röbi das alte Zinn entfernt, alle Blessuren  ausgebeult und dann mit ganz wenig Zinn alles fein geglättet.

„Verzinnen von Karosserie-Teilen fällt immer dann an, wenn Stoßnähte oder leichte Unebenheiten in der Karosserie ausgeglichen und geglättet werden müssen. Es ist die älteste Technik, solche Stellen auszugleichen. Im Idealfall wird auch bei jeder Restauration erst verzinnt und anschließend nur wenn nötig noch mit Spachtelmasse letzte Korrekturen vorgenommen. Karosserie-Zinn hat auch den Vorteil sehr stabil zu sein. Schläge, Erschütterungen oder Vibrationen können den Karosserie- Zinn nicht lösen.“

Vgl. auch: http://www.oldtimer-tv.com/oldtimer/DE/tipps-tricks/index.php?Seite=187

Durch diese unsachgemässe früherer Reparatur passten die Haube sowie der Grill nicht originalgetreu zusammen.  Deswegen musste an der Front eine dicke Zinnschicht entfernt werden. Anschliessend wurde die gesamte Front neu gerichtet und ausgebeult. Die dann noch verbliebenen „Unebenheiten“ wurden fachgerecht mit einer dünnen Zinnschicht ausgeglichen und feinpoliert. Dann war die Front wieder perfekt hergerichtet und bereit für den Lackierer.

SpenglerII

Lackierer

Autospritzwerk Karl Manser, Appenzell

Hier sein Arbeitsbericht:

  • Ganzes Fahrzeug ausschleifen. Alle reparierten Stellen bis auf das Blech blank schleifen. Zudem am ganzen Fahrzeug die Lackschicht abgeschliffen bis zum intakten Füller und Grundierung. Anschliessend alle blanken Stellen grundieren (Chromat-Wash Primer gelb PPG).
  • Dann wurde  Zweikomponenten Füller PPG D839 zur Abdeckung der Grundierung aufgetragen. 3 verlaufende Spritzgänge. Dann Füller anschleifen und mattieren um eine optimale Haftung für den Dickschichtfüller zu erreichen
  • Dickschichtfüller auftragen, nach guter Austrocknung plan schleifen bis fast auf die Grundierung. Diesen Vorgang wiederholen bis alle Unebenheiten eliminiert worden sind.
  • Auf den geschliffenen Dickschichtfüller alle blanken Stellen grundieren und anschliessend den Zweikomponenten Füller PPG D839 auftragen
  • Alle Innenteile grundieren, Füller auftragen und für die Lackierung vorbereiten. Ebenfalls alle abgebauten Aussenteile und das ganze Fahrzeug fein schleifen und für die Lackierung vorbereiten.
  • Dann Endschliff mit Körnung 1200 Nass
  • Alle Teile und das Fahrzeug reinigen und im Zweischicht-Verfahren lackieren.
  • Farbrezeptur nach Originalanteil gemischt: Mercedes schwarz 040 : Akzo-Nobel Wasserbasis
  • Auftrag in drei Spritzgängen (deckend)
  • Klarlack : Akzo-Nobel Superior 2 Komponenten Klarlack zwei verlaufende Spritzgänge
  • Diverse Innenteile schwarz matt lackieren.
  • Zum Schluss die Finish-Arbeiten mit schleifen und polieren.

Lederteile

http://www.carcult.ch

Alle Lederteile liessen, insbesondere die verschlissenen Sitze sowie die Innenverkleidungen der Türen, liessen wir von einem Lederspezialisten behandeln.

Hier der Arbeitsbericht:

„Bearbeitet wurden diverse Lederbauteile wie Sitze, Türtafeln, Keder etc.

  1. Reinigung
    In einem ersten Schritt wurden die Sitze gereinigt und entfettet. Probleme bereiteten hier Kleberückstände, welche vom  Vorgänger angebracht wurden, beim Versuch die Risse zu reparieren. In verschiedenen Durchgängen wurde Das Leder sanft von Verschmutzungen und Kleberesten gereinigt.
  2. Reparatur
    Nach dem Reinigen machten wir uns an die Zahlreichen Risse, Krater und anderen Schadstellen an den Lederteilen. Hierbei wurden unter anderem Risse unterlegt und verklebt, Krater und Risse aufgefüllt, Lederteile eingesetzt. Anschließend mit einer Art Spachtel aufgefüllt und mit einem Stempel die originale Lederstruktur geprägt. So wird erreicht, dass die Schadstelle praktisch nicht mehr sichtbar ist.
  3. Lackieren
    Nachdem wir eigens für diese Lederteile Farbe nach einem Muster angemischt haben, beginnen wir mit dem Lackieren. Zuerst tragen wir eine Grundierung auf und stellen somit sicher, dass die folgenden Farbschichten perfekt auf dem Leder haften. Die Farbe wird in 3-4 Schichten aufgetragen. Dazwischen lassen wir die Teile ruhen. Am Schluss tragen wir eine Art Klarlack auf. Diese Lackschicht schützt und gibt dem Lack entweder Glanz-oder Matt-Effekt.
  4. Finish
    Hier kontrollieren wir die bearbeiteten Teile nochmals penibel. Stellen wir keine Fehler fest, so wird das Leder noch mit einem Leder-Pflege-Mittel behandelt.

Arbeitsaufwand für Ihre Teile war ca. 60 Std“.

Das die Lederfarben hier differieren liegt an der Beleuchtung unserer Fotos. Sorry.

Leder ist ein sehr heikles Material. Wer noch mehr über seine Pflege und Konservierung erfahren möchte,  kann sich hier differenziert informieren: https://de.wikipedia.org/wiki/Lederpflege

Grober Zusammenbau

Vor kurzem haben wir Fahrwerk, Motor und Karosserie wieder verbunden. Die beiliegenden Bilder zeigen Euch unserer Arbeit:

  • Der Motor läuft wunderbar rund (das kann man leider nicht sehen :)) und er „strahlt“ wieder im alten Glanz. Man kann im die vollständige Revision – so meinen wir – förmlich ansehen.
  • Der Lack glänzt. Man kann sich darin spiegeln.

August2015SeitenansichtInacherstemZusammenbau

Sattler

Jörg Weber, St. Gallen

Hier wurden einige Teile, wie das Armaturenbrett sowie kleinere Lederteile aus der Seitenverkleidung neu gemacht und eingefügt. Ebenso wurde der Innenteppich neu gemacht und „verlegt“.

Zusammenbau aller Teile

Im Moment wird dieses 190 SL von uns in einem (vor) letzten Schritt wieder vollständig zusammen gebaut.

Wir sind fertig und hier ist das Ergebnis:

Also warum heißt so ein schwarz/roter 190 SL eigentlich „Nitribitt-Mercedes“?

Rosemarie Nitribitt

Rosemarie Nitribitt

Wir zitieren hier die Neue Züricher Zeitung vom 8. Mai 2014:

„Mercedes 190 SL
Die Blonde und der kleine Schwarze

Im Mercedes-Cabrio ging die Prostituierte Rosemarie Nitribitt in der Wirtschaftswunderzeit auf Kundenfang. Ihr bis heute unaufgeklärter Tod machte nicht nur sie, sondern auch ihr Auto zum Mythos. in Bild von Glamour, Noblesse und Glitter sollte er sein. Aber es war der Glanz der Halbwelt und das Faszinosum eines bis heute ungeklärten Dirnenmordes, der ihn zum Mythos machte. Die Rede ist vom Mercedes 190 SL, ein schneidiges Cabriolet, das 1955 zum ersten Mal vom Band lief und untrennbar mit einem Namen verbunden ist: Rosemarie Nitribitt, Codename «Rebecca».

Ihre Geschichte gereicht zum ergreifenden Opernstoff. Eine junge Frau aus erbärmlichen Verhältnissen kommt ins Frankfurt der Nachkriegszeit und erarbeitet sich mit ihren Liebesdiensten ein kleines Wirtschaftswunder. Sie geht unter anderem in der guten Frankfurter Gesellschaft auf Kundenfang. Politiker und Industrielle höchsten Ranges gehören in ihr Beuteschema.

Sie arbeitet intensiv am standesgemässen Auftritt. Das Auto spielt dabei eine zentrale Rolle. Ihr Aufstieg beginnt mit einem Opel Kapitän. Aber erst der schwarze Mercedes 190 SL mit der dunkelroten Lederausstattung wird zu ihrem Markenzeichen – eine Provokation. Eineinhalb Jahre lang kurvt sie damit durch Frankfurt und gabelt Kunden auf. Dann ist sie tot. Erschlagen und erwürgt, liegt sie drei Tage lang in ihrer Wohnung, ehe sie gefunden wird. 24 Jahre alt ist sie geworden. Auto und Schlüssel und möglicherweise viel Geld sind verschwunden. Das weitere Schicksal des Nitribitt-Autos ist 1958 sogar dem «Spiegel» einen seitenfüllenden Artikel wert.

Wer mehr über Rosmarie Nitribitt und ihren schwarz/roten 190 SL lesen will, kann das hier tun: http://www.nzz.ch/die-blonde-und-der-kleine-schwarze-1.18297895

Zeige 2 Kommentare
  • Salvatore
    Antworten

    Hallo liebes KS Team
    Mit was für Kosten muss man(n) als Besitzer eines Oldtimers für eine Restauration dieser Art rechnen?
    Bin Besitzer eines 33 jährigen Fahrzeuges und es würde mich interessieren ob Ihr alle Marken restauriert oder spezialisiert seid auf Mercedes?
    Besten Grüsse aus der Bodensee-Region
    Salvatore

  • Peter Hohl
    Antworten

    Gratulation zur Wahl von Karrosseriespengler und Lackierer. Ich kenne die beiden und ihre Arbeiten bestens. Über jeden Zweifel erhaben. Super, weiter so.
    Grüess vom Bodesee?

Einen Kommentar hinterlassen