in Restaurierung

Aller „Kaufen“ ist schwer

Von diesem MB 170 V Cabrio B haben wir über eine Anzeige im Oldtimer-Markt erfahren. Da uns ein genau solches Fahrzeug in genau dieser zweifarbigen Ausführung gefällt und weil ein bauähnliches Modell, nämlich ein Cabrio A, in der gleichen Farbkombination im Mercedes-Benz Museum steht und somit auch in vielen Katalogen eine weltweite Bekanntheit erzielt, haben wir uns dieses Fahrzeug angesehen.

 

MB 170 V Modelle gibt es viel auf dem Markt. Aber eine genau solche Ausführung ist selten. Wir hofften auf eine solide Qualität.  Auf den ersten Blick hat uns dieses Fahrzeug gefallen und wir versuchten mühsam unsere Begeisterung vor den Augen des Verkäufers zu unterdrücken.

Beim näheren Hinsehen haben wir aber leider ganz erhebliche Mängel feststellen müssen:

  1. Die Spaltmasse, also die Abstände zwischen den unterschiedlichen Bauteilen, waren erheblich und sehr unterschiedlich.Was die Spaltmasse angelangt, so muss man dies für jeden Fahrzeugtyp differenziert betrachten. Insbesondere bei Vorkriegs-Rahmenfahrzeugen, wie z.B.  bei einem solchen W 136, gehören gewisse „Unebenheiten“ bei den Spaltmassen dazu. Alleine schon durch die „arbeitenden“ Holzrahmen liessen sich solche „Ungenauigkeiten“ gar nicht vermeiden. So kann es bei manchen Fahrzeugen daher sein, dass perfekte Spaltmasse eher eine Wertminderung sein kann, weil man dann von einem völlig überrestaurierten Fahrzeug ausgehen muss. Hier war dies aber hier nicht der Fall. Von Überrestaurierung ist hier nun wirklich keine Spur!! Dieses Fahrzeug wurde schlicht und einfach schlampig und schlecht restauriert.Noch etwas zu „Rahmenfahrzeugen“. Auf einem Rahmen aufgebaute Mercedes-Benz Fahrzeuge wurden bis in die Nachkriegszeit produziert, ehe sie ab 1953 von den Modellen mit selbsttragenden Karosserien abgelöst wurden.
  2. Der „rissige“ Lack fiel ebenfalls ins Auge. Zentimeter dicke Spachtelmasse war hierfür die Ursache. Spachteln an sich ist nicht ein wirkliches Problem, denn – richtig verwendet und angewendet – ist es ein durchaus probates Mittel um eine in Mitleidenschaft gezogene Karossiere zu bearbeiten. Und wer mit einem rissigen Lack, den man von grösserer Entfernung nicht wirklich wahrnimmt, zufrieden ist, für den ist es auch aus qualitativer Sich kein Problem, wenn gespachtelt wird. Hier war jedoch die Spachtelmasse an vielen Stellen Zentimeter dick aufgetragen.Als wir später einmal einen verspachtelten Kotflügel abschraubten und in den Händen hielten, merkten wir erst einmal, welches Gewicht an Spachtelmasse alleine hier verarbeitet wurde und welche Gewichte so an den Aufhängungen zogen und zerrten. Also für uns war klar, dass wir dieses Fahrzeug in einem solchen Zustand nicht lassen würden und die Spachtelmasse entfernen würden.
  3. Der Motor ist ein Austausch-Motor. Zwar aus der 170iger Baureihe, aber eben nicht völlig Original. Damit ist das Fahrzeug nicht Numbers Match. Auch hier gilt es etwas zu bemerken. Mercedes-Benz fertigte früher pro Typ eine grosse Anzahl von Motoren ohne Motornummern an. Wurde ein baureihengleicher Motor notwendig und von MB bezogen und verwendet, dann stanzte Mercedes die ursprüngliche Motornummer in diesen Typengerechten-Austauschmotor hinein. Man muss also bei Vorkriegs-Mercedes zwischen dem ersten Originalmotor und einem originalen Motor unterscheiden.Dieser Austausch-Motor stotterte zudem und die Elektrik war darüber hinaus recht hemdsärmelig montiert wurde.

Trotzdem und trotz allem: Uns gefiel das Fahrzeug, allen Mängeln zum Trotz noch immer und wenn wir einen vernünftigen Preis aushandeln können, dann werden wir ein Schmuckstück daraus machen. Was sollten wir also machen? Verhandeln und nochmals verhandeln!

Um einen „fairen“ Preis haben wir mit dem Verkäufer „gerungen“. Dieser 170 V gehörte einem recht vitalen und rüstigen 85 jährigen früheren Busunternehmer. Aus Baden Württemberg stammte er „und genauso solide gebaut wie dieses Auto“ sagte er schmunzelnd. Also mit einem Schwaben hatten wir es zu tun. Die Sparsamkeit der Schwaben ist weltbekannt und mit so einem Musterschwaben war das verhandeln alles andere als einfach.

Ein „Autofahrer“ durch und durch, wie er von sich selbst sagte, war dieser frühere Eigentümer.  „Ich bin mehrere Millionen Kilometer gefahren“, sage er voller Stolz. Also einem sehr sympathischen älteren Herrn standen wir da gegenüber. Das machte das Verhandeln nicht einfacher. Seine  Preisvorstellungen waren für uns jenseits von Gut und Böse. Er liebe seinen „alten Benz“ und dann neigte er sich zu uns und sprach ganz leise weiter, „manchmal liebe ich den alten Benz mehr als meine Frau“. Um sich von dem Auto zu trennen brauch er eigentlich Schmerzensgeld.

Unsere ausgedehnte Mängelliste konnte Herr M.  gar nicht verstehen. In wie weit das eine perfekt gespielte Verhandlungstaktik war oder ob er durch vorgängige Interessenten oder von wo auch immer bereits von den Mängeln gewusst hat und somit vorgewarnt war, lässt sich nicht sagen. Nach sehr langem und vielem hin und her haben wir uns schliesslich auf einen Preis geeinigt, mit dem alle Parteien leben konnten.

Einige allgemeine Informationen zum MB 170 V  (W136)

Auf der Berliner Automobil-Ausstellung wurde der MB 170 V im Februar 1936  vorgestellt.  Vorläufer war der MB 170 (W15), welcher insgesamt etwas luxuriöser war und so z.B. auch  ein Sechszylinder Motor besass.  Der 170 V war für die Massenproduktion bestimm und technisch etwas anspruchsloser als sein Vorläufer. Es gab insgesamt 9 Modellvarianten. Vom Cabrio  A und B über die Limousine mit 2 und 4 Türen bis hin zum sehr schönen und schnittigen Roadster. Es gab einen Kasten- sowie einen Kübelwagen. Von 1936 bis 1941 wurden insgesamt 86 602 170 V gefertigt. Vom Cabrio B waren es total ca. 8.000 Stück. Von den 1939iger Cabrio B Modellen wurden ca. 1.900 Exemplare herstellt. Nur eine kleine Stückzahl war zweifarbig.

Der 170 V hatte einen Vierzylinder Reihenmotor mit 38 PS bei 3400 Umdrehungen pro Minute. In der Spitze erreichte der 170iger 108 km/h. Der Verbrauch lag bei durchschnittlich 11 Litern pro 100 Km. Der Tank umfasst bis 1939  ein Volumen von 33 Litern, danach wurde das Volumen auf 43 Liter vergrößert.

Schnitt durch einen 170 V Cabrio B

Das Fahrwerk des 170 V stellte sich als ausgezeichnet heraus. Zur damaligen Zeit wurde jedes deutsche Fahrzeug  auf seine „Kriegstauglichkeit“ geprüft. Dies wurde aber nicht publik gemacht. Deswegen wurde auch der 170 V in sog. motorsportlichen Wettbewerben eingesetzt wo Geländefahrten sowie Langstreckenrennen auf Grossteils schlechten Strassen im Vordergrund standen. Diese „Rennen“ wurden damals durch Spezialveranstaltungen ergänzt, welche man „Kraftfahrzeug-Winterprüfung“ nannte. Auf Grund der dortigen Erkenntnisse nahm man später einige Modifizierungen am 170 V vor und nannte diese Fahrzeuge dann 170 SV. Diese Änderungen erwiesen sich aber nur kurze Zeit später als nicht zielführend und als völlig unnötig. Deswegen verwendete die Wehrmacht im Krieg den 170 V in grosser Zahl als Kübelwagen und nutzte dazu das handelsübliche und völlig normale Fahrgestell des 170 V.

Zurück zu unserem Fahrzeug

Ausgeliefert wurde es im Mai 1939 an einen Arzt in Prag. Mehr wissen wir noch nicht. Die Provenienz werden wir später aufarbeiten. Über den Zustanden haben wir schon berichtet. Zunächst haben wir den Motor ausgebaut. Dann die gesamte Elektrik erneuert. Insbesondere haben wir einen neuen originalgetreuen Kabelbaum verlegt. Den Motor haben wir überholt, sprich wir haben den Motor gründliche gereinigt, alte Ablagerungen entfernt sowie alle wichtigen Verschleißteile gesäubert und – wo notwendig –  repariert oder ersetzt Den Vergaser haben wir revidiert.  Natürlich haben wir weitere Teile wie Bremsen, Kupplung etc. kontrolliert und gereinigt. Wo notwendig haben wir Reparaturen vorgenommen.

Motor nach der Revision

 

Nicht in jedes Teil konnten wir hinein sehen. Dadurch haben wir ein Problem bekommen.  Doch dazu später.

Nach der Revision der technischen Teile und einem ersten groben Zusammenbau ging das Fahrzeug zu Meister Josef (Sepp) Wagner nach Bad Ragaz

http://www.auto-wagner.ch/Carrosserie_Wagner/Welcome.html

Für die Kotflügel konnten wir originalgetreue Teile finden. Vieles weitere wurde von Sepp perfekt angefertigt und eingepasst.

Auch der gesamte Holzrahmen der Karosserie wurde neu gemacht und zwar vom spezialisierten Möbelschreiner Hansjürg Riederer, ebenfalls aus Bad Ragaz. Meister Riederer hat dazu natürlich Esche verwendet, also völlig originalgetreu. Hier noch einige Bemerkungen zum Holzaufbau bei damaligen MB Fahrzeugen. Bereits 1939 hätte man schon Ganzstahlkarosserien bauen können. Doch wäre das zu kompliziert, aufwendig und viel zu teuer gewesen. Die Verarbeitung von Holz war einfacher und billiger. Mercedes-Benz verwendete damals nahezu ausschließlich Esche. Das Eschenholz ist zwar ein schweres aber auch ein hartes Holz mit sehr  günstigen Festigkeitseigenschaften. Seine Zugfestigkeit und seine Biegefestigkeit übertrifft die der Eiche. Eschenholz ist elastisch, abriebfest und wesentlich zäher als die meisten anderen heimischen Holzarten.  ABER und das darf auf keinen Fall übersehen werden: Um optimal seine Fähigkeiten im Fahrzeugbau entwickeln zu können,  muss die Esche an der Luft gelagert und abgetrocknet sein. Pro Zentimeter Stärke muss man mit 1 Jahr Lagerung rechnen. Auf keinen Fall darf künstlich (und damit zu schnell) getrocknetes Holz verwendet werden, denn dieses hat zu starke Spannungen in sich. Von einer makellosen „schönen“ Qualität kann man getrost die Finger lassen, denn dieses ist „nur“ teuer. Den Karosseriebauer stören optische Mängel, also günstigeres dunkles Kernholz oder Farbfehler, nicht.

Die Möbelproduktion von Hansjürg Riederer und unsere Anforderungen haben sich sehr gut ergänzt. Er braucht für seine Möbel wie wir gut abgelagertes Holz;  er in einer schönen Qualität, wir nahmen gerne den günstigeren „unansehnlichen“ aber qualitativ genauso guten Teil seines Eschenholzes.

Anschließend ging unser 170 V zum Lackieren. Alles wurde von Grund auf neu gemacht. Wir hatten erst die Idee den Übergang vom Weiss/Crem zum Schwarz mit einem feinen roten Strich zu verschönern. Davon kamen wir dann aber doch wieder ab, weil es nicht Original gewesen wäre und weil sich bei uns kein einheitliches Bild über die „Gefälligkeit“ dieser Farbkombination erzielen ließ.

 

Dann bauten wir alles wieder zusammen. Und dann. Ja und dann stellten wir bei einem Belastungstest fest, dass die Fahreigenschaften nicht zufriedenstellend waren.

Hinterachsen-Antrieb läuft nicht rund.
Was ist los?

Hm, das Differenzial war defekt. Außerdem war es nicht original. Jaul, Jaul, wir haben es nicht gleich gemerkt, weil wir damals keine so ausgedehnten Fahrten unternommen hatten. :(

Dont look back!!

Also haben wir ein Originalteil gesucht und nichts gefunden. Wieder haben wir  gesucht,  und wieder haben wir nichts gefunden. Auf einmal, nach Monaten kam uns die oben  Original Hinterachse zu Gesicht. Wir haben gleich zugeschlagen! Nun haben wir diese Original 170 V 1939 Hinterachse! Sie liegt bei uns und wartet auf ihren Einbau sowie auf den endgültigen Beweis, dass dann alles sauber und rund läuft. Wir wissen es noch nicht. Im Moment haben wir keine Zeit, um uns dem 170iger anzunehmen.

Wir berichten Euch darüber, wie diese Restaurierung ein glückliches Ende finden wird!

Im November / Dezember 2015  haben wir die Zeit gefunden um uns diesem Problem anzunehmen. Um es gleich zu sagen. Die gekaufte Hinterachse hat nicht gepasst. Sie war von einem 170 S.  Also was machen?

Gemeinsam mit Roger Wenk

http://www.motoren-wenk.ch

haben wir vorhandene Originalteile revidiert. Hier eine ausführliche Fotodokumentation:

Stossdämpfer

Und dann haben wir auch noch gemerkt, dass die Stossdämpfer nicht mehr so sind, wie wir das gerne wollen. Also haben wir diese revidiert. Hier die Fotodokumentation.

Aber nun im Januar 2016 wurden wir fertig

Hier das Ergebnis:

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